Sonnensänger
vom Silberblatt
von Jela Schmidt
Viel
haben sie schon gesehen, diese fremden Wesen. Einige leben bereits
in unserem Heimatlande, dem großen Akhischen Reich. Im Grünwald
sind einige gesehen in den Wäldern und an dem See. Viele sagen,
sie lebten schon seit Urzeiten dort. Wenig weiß man über sie,
nur daß sie anders sind als wir.
Sie sind wohl
friedlich, in den meisten Fällen. Sie lieben die Wälder, die Musik
des Blätterrauschens. Sie sind von musischer Begabung, erst kürzlich
hörte man einen von ihnen in unserer singenden Oase, dem Burgenland,
sprechen von der Schönheit des frühlingsgrünen Waldes. Mit einer
Stimme wie aus reinem Silber und Worten, wie vom Anbeginn der
Welt.
Das Herz wollt einem überfließen und zerspringen:
Das Glück, diese Schönheit der Dichtung, die Perfektion der Metrik,
das Versmaß, die wohlgesetzte Lautmalerei!
Und ach der Schmerz, dieses Sehen, welches er in uns entfachte.
Das Verlangen nach dem Duft der Gräser, nach der leichte Brise
in den Wipfeln.
Anarlindalë Celeblassessë (Sonnensänger vom Silberblatt)
war sein Name und zu Recht trug er ihn. Denn dies bedeutet soviel
wie "der unter den Silberblätter die Sonne singt" und in der Tat
bracht er die Sonne mit seinen Gedichten und Lieder in user aller
Herzen.
Sein Haar glänzte silbrig wie Mondschein, und sein Augen waren
die Sterne der Nacht. Hochgewachsen wie viele seines Volkes war
er und doch so anmutig und sanft in seiner Bewegungen. Ja, hier
im Burgenland traf ich zum erstem Mal einen seines Volkes, sprach
ich zum ersten Mal mit einem Elfen.
Ich war gebannt von seiner Schönheit, seiner Stimme und diesen
schimmernden Augen. Sie waren grün und silbern wie die Blätter
einer Espe.
Als er sein Haar zurückstrich sah ich die Spitzen seiner Ohren,
die in einer geschwungenen Linie endeten. Er bemerkte wohl, daß
ich diese Ohren mich faszinierten, hatte ich dergleichen doch
noch nie gesehen. Ich blickte verschämt zu Boden, mir meiner taktlosen
Neugierde bewußt, doch er lacht nur leise und sah mich an.
"Ihr seid nicht der erste, Meister Aariond, der sich über die
Ohren der Elfen wundert. Viele fragen sich im Stillen, weshalb
unser Ohren spitz zulaufen, doch damit schaden sie nur sich selbst."
Schaden? Ich wollte auf keinen Fall zu Leid kommen, nur weil ich
verwundert war. Erschrocken blickte ich ihn an. Er muß wohl gewußt
haben, was ich dachte, denn er lacht wieder sein leises Lachen
und sprach weiter:
"Nun dadurch, daß sie sich in aller Stille fragen, bringen sie
sich um eine Geschichte, die dem offen fragenden gerne erzählt
wird."
Eine Geschichte, ja die würde ich wohl zu gerne hören, denn Sunsinger
of the Silverleaf war eine guter Erzähler. Also bat ich ihn, mir
davon zu berichten. Er setzte sich in den Schatten eines Baumes,
schlug die Beine übereinander und lud mich an seine Seite ein.
Seine Augen schimmerten moosgrün, als er mit sanfter Stimme seine
Mär begann:
"Vor dem Zeitalter der Träume gab es eine Zeit, in der es keine
Elfen gab. Es gab auch keine Menschen, Zwerge, Trolle oder Gnome.
Alles war ruhig, die großen Wälder nur bewohnt von kleinen Tieren
und Rehen. Die Wälder waren weit und dunkel und erfüllt von tiefem
Frieden. Die Espen zitterten noch nicht im Winde, wie sie es später
tun würden, doch ware sie starke, stolze Bäume, die Herrscher
der Wälder.
Lange Zeit unterschieden sie sich nicht von den anderen, außer
in der Größe, der Form und Farbe der Blätter. Eines Herbstabends
aber wurde ein Rijun, ein Kaninchen von einem Fuchs gejagt. Dies
war an sich nichts ungewöhnliches, doch diese Rijun hatte einen
Wurf Junge zu ernähren und mußte daher leben. Eine Espe, auf die
das Rijun zulief fühlte tiefes Bedauern für die Jungen. Alle Bäume
fühlen, wenn ein Tier stirbt, kann doch nur so die Harmonie bleiben.
Diese Espe aber wollte die Jungen nicht mutterlos sehen und entschied,
dem Rijun zu helfen. Ein Beben lief durch den Stamm des Baumes
und die Blätter rauschten und sangen ein Lied der Rettung. Das
Rijun lief auf die Espe zu, angezogen von diesem Lied. Der schlanke
Stamm neigte sich sanft zum Boden und das Rijun sprang in den
Wipfel. Als der Fuchs die Espe erreichte, hatte der Baum sich
bereits wieder aufgerichtet. Das Rijun war in Sicherheit.
Ein Raunen lief durch die Wipfel des Waldes, ein aufgebrachtes
Raunen von Verrat und Schande. Die Blätter der uralten Espen raschelten
Verderben. Du hat den Lauf des Lebens aufgehalten. Du hast
dich eingemischt in das ewige Gesetz. Du hast gegen den Wald verstoßen.
So rauschte es durch die Kronen der Bäume. Die Espe zitterte
vor Verwirrung. Die Jungen des Rijun wären gestorben ohne ihre
Mutter. Doch das war nicht wichtig. Wenn das ewige Gesetz dies
verlangt, so müssen sie sterben. Man darf sich nicht widersetzen.
Vielleicht verhungern nun die Kinder des Fuchses. Sind die Jungen
des Rijun mehr wert? Wer bist Du, daß Du richten darfst? Die
Espe zitterte erneut, diesmal vor Wut und Verzweiflung. Wer
seid Ihr, daß ihr mir sagt, wem ich helfen darf? Wenn das ewige
Gesetz nur bedeutet, daß man hilflos alles mitansieht ohne etwas
tun zu können, so ist das ewige Gesetz kein Gesetz sondern nur
eine Fessel, die unseren Willen hält. Das Raunen wurde stärker.
Hatte die Espe recht? Mußte man sich entscheiden? War das ewige
Gesetz nur eine Entschuldigung, in ewiger Gleichmut dahinzuwiegen,
wohin der Wind einen biegt? Es durfte nicht sein.
Das ewige Gesetz gibt uns Halt, wie unsere Wurzeln, Wenn du
diesen Halt verurteilst, so hebe Deine Wurzeln aus der Erde du
sieh, wie Du haltlos Deinen Weg machst. Die Espe erhebte.
Was für eine Vorstellung. Frei sein. Gehen, wohin der Wind weht.
Mit den Rijun und den Ahir, den Bären, laufen. Ja, frei sein.
Die Espe hob ihre Wurzeln aus dem Boden. Wer sich nicht hinter
dem Gesetz verstecken will, wer frei sein will, wer sich entscheiden
will, der soll mit mir gehen und einen Platz suchen, wo das grausame
ewige Gesetz nicht herrscht. Der Baum zitterte vor Freude. Einige
Espen, die das sahen, folgten ihm. Sie hoben ihre Wurzeln aus
der Erde, in der sie sicher, aber gefangen waren. Sie sammelten
sich auf einer Lichtung im Wald, erfüllt von Freiheit und Zuversicht.
Die uralten Espen raunten und rauschten, entsetzt von dieser Auflehnung
gegen das ewige Gesetz des Waldes. Sie mußten diesen Übermut bestrafen.
Wer diesen Wald verläßt, der darf nie wieder Wurzeln in den
Boden versenken. Der darf nie wieder seine Blätter im Winde rauschen
hören, der darf nie wieder die Sonne trinken. Doch die Espen
auf der Lichtung blieben bei ihrem Entschluß. Sie wollten nicht
nur zusehen bei dem Spiel des Lebens, sie wollten teilhaben. Und
so geschah es. Die uralten Espen ließen ihre Blätter im Einklang
raunen und riefen die Magie des Waldes, der uralten Zeiten. Durch
alle Bäume lief ein Zittern und ein Beben. Dann war es still.
Auf der Lichtung stand nicht länger Bäume, die frei sein wollten,
sondern seltsame Wesen, wie sie noch nie zuvor gesehen waren.
Sie waren hochgewachsen und schlank, nur viel kleiner als die
Espen, die im Wald geblieben waren. Ihre Augen waren silbern und
grün wie die Blätter, braun wie die Rinde, blau wie das Wasser
und eisgrau wie der Winter. Zum ersten Mal wehte der Wind nicht
durch Blätter, sondern durch Haar, in der Farben der Sonne, der
Erde, der Nacht.
Zum ersten Mal bogen sich ihre Stämme nicht sanft unter der Brise,
einige fielen zu Boden da sie mit den neuen Beinen nicht den gewohnten
Halt fanden.
Doch hatten ihre Freunde nun Hände, die reichen konnten, um den
gefallenen zu helfen, und Arme, um die unsicheren zu halten.
Die Wesen sahen den Wald noch einmal an, wie zum Abschied, und
gingen davon. Sie suchten eine Ort, an dem sie in den Lauf des
Lebens hineinfinden würden. Die Wesen blieben, vom Wald geboren,
immer dessen Kinder. Sie liebten den Wald, waren sie dort doch
einst zu Hause. Manchmal waren sie voller Angst, weil sie nun
entscheiden konnten. Sie hatten noch nie zuvor gewählt, und manches
Mal war es nicht leicht, dies zu tun, doch nie bereuten sie, ihre
Wurzeln aus der Erde gehoben zu haben. Sie gehen im Wald, als
seien sie ein Teil von ihm und sie werden so alt, wie mancher
Baum.
Die neuen Wesen gaben sich den Namen, unter dem man sie heute
kennt: Elfen.
Und ihre Ohren habe die Form von Espenblätter, damit damit sie
nie vergessen, wo ihre Wurzeln waren, und das sie frei gewählt
haben.
Die Uralten Espen geben auf sie acht, denn es sind ihre Kinder.
Im Winde zittern sie, manche aus Mitleid mit denen, die keine
Wurzeln haben, und manche aus Sehnsucht, frei wie sie zu sein."
Mit diesen Worten lehnte sich Sunsinger of the Silverleaf an die
Espe, die hinter ihm schützend ihren Schatten auf ihn warf. Seine
Augen waren von dem Grün der Blätter im Frühling.
Aariond
Nataliam
Hofbarde zu Traumstein
zurück